Die Aufregung um Krautreporter hat sich noch nicht gelegt und ich hab lange überlegt, ob ich was dazu sagen soll. Zu den Kritikern gehören von mir geschätzte Personen. Da überlegt man immer zweimal, ob man mit seiner Meinung wirklich richtig liegt. Was für mich persönlich ein absolutes No Go ist, ist Kritik, die sich an Äußerlichkeiten von Journalisten aufbaut. Mir ist schon klar, dass das kleine Wort „adipös“ wahrscheinlich mehr aus Häme denn aus echter Kritik gegenüber der Redaktion geäußert wurde. Vielleicht kann mir jemand erklären, was die Körperform mit der Fähigkeit, guten Journalismus zu produzieren, zu tun hat? Wahrscheinlich nicht. Wollen wir wirklich, dass sich Journalisten wie Modells präsentieren? Erste Ansätze dazu gibt es schon. Vielleicht bin ich da aber auch deshalb schlichtweg empfindlich, weil ich in anderen Bereichen bereits eine Tendenz dazu sehe, z. B. bei in den Medien live übertragenen Gerichtsprozessen, wo dem Äußeren der Handelnden eine immer stärkere Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, die nicht der Gerechtigkeitsfindung dient.
Natürlich ist es für die Vermarktung eines Projektes gut, wenn man eine besonders breit gefächerte Zielgruppe spiegelt. Andererseits ist immer die Frage, ob es wirklich nötig ist. So könnte man ketzerisch fragen, was eigentlich die ganzen Typen in den Redaktionen von Frauenzeitschriften machen?
Wer allerdings selbst mal ein Projekt auf die Beine gestellt hat, bei dem viel Engagement gefordert wird, ohne das es dafür jede Menge an Gegenleistung gibt, der wird wohl meine Erfahrung teilen, dass man immer erst einmal furchtbar dankbar für jede Seele ist, die bereit ist, mitzumachen. Also mehr, als für das Projekt den Like-Knopf zu drücken oder es mal virtuell zu verteilen.
Generell finde ich es ja immer schon mal recht gut, wenn da jemand kommt und sagt, er will etwas Neues ausprobieren. Ich hab mich gefreut, als ich von Krautreporter hörte. Das heißt nicht, dass ich es jetzt sofort unterstützen muss. Mich stört Werbung in journalistischen Produkten nur bedingt. Es gibt Werbung bei journalistischen Produkten, die mich online und offline nervt. Aber der Großteil der Werbung stört mich nicht. Vielleicht auch, weil es mir schwerfällt zu glauben, dass einige herausragende Reportagen ohne Werbung finanzierbar gewesen wären. Als Beispiel möchte ich gern die Seeschlacht nennen. Das Beispiel mag ich auch deshalb, weil es kein Multimediaspektakel ist, welche online ohnehin immer sehr viel Aufmerksamkeit erhalten. Wer sie nicht gelesen hat, der möge das bitte nachholen. Nun also Krautreporter. Ich gebe zu, ich bin nicht unbedingt ein Fan der Arbeit von jedem aus dem Team. Dabei spielen für mich Herkunft, Geschlecht, Religion oder sexuelle Orientierung keine Rolle. Vielmehr schaue ich mir an, was die vorher so gemacht haben. Teils finde ich es persönlich gut oder interessant, teils geht es so. Die Bereitschaft von mir, 60 Euro für einen Neuversuch auszugeben, hängt bei mir von vielen Faktoren ab. Ich hab mich letztendlich vorerst dagegen entschieden. Das bedeutet nicht, dass ich nicht noch überzeugt werden kann. Gern auch hier in den Kommentaren.

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